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Über die Reihe

Grenzgängerkino

Die Idee

Die drei Filme dieser Reihe haben auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam. Ein ukrainisches Dorf am Fluss. Eine Glaubensgemeinschaft in der sibirischen Taiga. Eine deutsche Aussteigersiedlung in Paraguay. Drei Kontinente, drei Sprachen, drei völlig unterschiedliche Produktionskontexte.

Was sie verbindet, ist nicht ihre Handlung und auch nicht ihr Thema. Es ist die Grenze und die Menschen, die an ihr leben.

In allen drei Filmen entsteht Gemeinschaft durch Abgrenzung. Die Glaubensgemeinschaft in Silent Flood hat sich über Generationen bewusst von der modernen Welt entfernt, um in Frieden zu leben. Dann überschreitet der Krieg diese selbst gewählte Grenze. Die Menschen in Sonnenstadt ziehen sich freiwillig aus der Gesellschaft zurück. Sie folgen einem Glauben, der ihnen das verspricht, was sie außerhalb der Gemeinschaft nicht finden.

In Around Paradise wird die Grenze sichtbar. Eine zwölf Kilometer lange Straße aus roter Erde trennt eine deutsche Kolonie von den Menschen, die dort bereits lebten. Gleichzeitig zeigt sie, wie durchlässig jede Grenze am Ende ist.

Keiner dieser Filme erzählt von einer Grenze, die Bestand hat. Alle erzählen davon, was geschieht, wenn Grenzen ins Wanken geraten.

Grenzgängerkino interessiert sich deshalb nicht für Grenzen als Linien auf einer Landkarte. Uns interessiert der Ort dazwischen. Der Moment, in dem sich Innen und Außen gleichzeitig betrachten lassen. Dort entstehen Perspektiven, die aus der Mitte oft unsichtbar bleiben.

Warum wir diese Reihe machen

Dokumentarfilm wird heute immer häufiger nach seiner nachweisbaren Wirkung bewertet. Wie viele Menschen wurden erreicht? Welche Debatte wurde ausgelöst? Welche Veränderung lässt sich belegen? Diese Fragen sind legitim. Sie stammen jedoch aus der Logik von Kampagnen und nicht aus der Geschichte des Kinos.

Problematisch wird es dort, wo Wirkung zum wichtigsten Maßstab wird. Dann geraten gerade jene Filme unter Rechtfertigungsdruck, die beobachten statt erklären, die offenlassen statt beantworten, die keine Botschaft transportieren, sondern einen Blick ermöglichen.

Mit der Zeit verändert das nicht nur einzelne Förderentscheidungen. Es verändert die Filme selbst. Was sich leicht begründen lässt, wird wahrscheinlicher finanziert. Was sich schwer messen lässt, verschwindet langsam aus dem Blick. Damit geht etwas verloren, nicht einzelne Themen, sondern unterschiedliche Haltungen zum Dokumentarfilm.

Grenzgängerkino versteht sich als bewusster Gegenentwurf. Wir kuratieren Filme nicht danach, welche Wirkung sie versprechen, sondern danach, ob sie unsere Wahrnehmung erweitern, ob sie etwas sichtbar machen, das ohne sie verborgen bliebe, ob sie Resonanz ermöglichen. Für uns beginnt Kino dort, wo ein Film keine Antwort gibt, sondern einen neuen Blick eröffnet.

Vorbild

Mit dieser Haltung stehen wir in einer Tradition, die eng mit Werner Herzog verbunden ist. Herzog hat den Dokumentarfilm nie als Beweismittel verstanden. In seiner Minnesota Declaration beschreibt er die bloße Faktensammlung als „Buchhalterwahrheit". Sie kann richtig sein und dennoch etwas Wesentliches übersehen.

Grenzgängerkino teilt diesen Gedanken. Nicht weil Fakten unwichtig wären, sondern weil sie allein noch keine Erfahrung erzeugen. Dokumentarfilm kann mehr. Er kann Räume öffnen, in denen Wirklichkeit neu sichtbar wird.

Dass Sonnenstadt Teil dieser Reihe ist, ist deshalb mehr als eine Referenz. Bereits 1993 filmte Werner Herzog dieselbe Gemeinschaft in Glocken aus der Tiefe. Damals begegnete er einem jungen Mann, der sich als Wiedergeburt Christi verstand und erst begann, Anhänger um sich zu versammeln: Vissarion.

Sonnenstadt kehrt Jahrzehnte später an denselben Ort zurück. Aus dem Prediger ist ein Lehrmeister geworden, aus den ersten Anhängern eine ganze Stadt. Zwei Filme, zwei Generationen Dokumentarfilm, eine Gemeinschaft an den Grenzen von Glaube, Gesellschaft und Wirklichkeit.

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